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Long time no read – 4. und letzter Teil
Was bisher geschah – Teil 1, Teil 2, Teil 3
Noch bevor wir einstiegen hatte ich mit meinem Piloten besprochen, dass der Wagenplatz mein erstes Ziel sei und ich dort eine Reihe von Bildern machen wollte, anschließend ließe ich mich gerne überraschen.
Die erste Überraschung war dann aber doch der Platz. Wie klein er war, fast schon versteckt. Eigentlich kein Wunder, die Bauwagen ragen nicht über die Bäume hinaus, nichtmal der Dome tut dies. Trotzdem hatte ich die Erwartung, den Platz schon von weitem zu sehen. Ich vermute, dass im Rahmen meiner inneren Repräsentationen der Wagenplatz einen Teil meiner innenrepräsentierten Größe und Wichtigkeit geerbt hat.
Die Aufgabe vernünftige Luftbilder zu machen war schwieriger zu erfüllen, als ich anfangs dachte. In der Plexiglasabdeckung der Kanzel gibt es eine kleine Schiebeklappe, durch die hindurch sich ohne Spiegelungen oder Schlieren fotografieren läßt. Der Nachteil des Vorteils besteht im eingeschränkten „Zielbereich“, der irgendwo schräg-vorne-seitlich liegt. Die Schwierigkeit: beim Umrunden eines Objektes liegt das in der Regel seitlich und nicht schräg-vorne-seitlich, was zu einigen Verrenkungen beim Fotografieren führt. Zudem ist Schnelligkeit angesagt, denn der Flügel neigt dazu, sich ins Bild zu schieben, wenn man das Motiv zu lange anvisiert.
Wie auch immer, ich habe getan, was ich konnte und die Bilder sind hier (noch zu verlinken) zu sehen.
Nachdem ich meine Aufgabe erfüllt hatte lehte ich mich zurück und schaltete in den Genuss-Modus. Solcherart entspannt konnte ich als erstes eine lange gehegte Vermutung verifizieren: Ich bin der Mittelpunkt der Welt! Das hügelige hessische Umland, der Wald, die Häuser in der Stadt, irgendetwas verdeckt uns immer den Blick zum Horizont. Aus der Höhe aber war es offensichtlich, von mir aus bis zum Horizont ist es in jede Richtung gleich weit, ich bin das Zentrum. Außerdem ist mein Mittelpunkt-Sein sowohl orts- als auch zeitunabhängig, was sehr nah an „absolut“ herankommt. Allein für diese Entdeckung hat sich der Flug gelohnt.
Mein Pilot lies mich die neuentdeckte, frischverifizierte Grandiosität bei einem Rundflug über Giessen genießen. Niemals niedriger als 300 oder höher als 1000 Meter. Gelegentliche Hinweise auf das eine oder andere Bauwerk, einmal auch darauf, wie sich ein anderes Flugzeug auf dem dafür zuständigen Instrument abbildet. Aus dem Fernsehen wissen wir heute alle, wie die Welt von oben aussieht, deswegen werde ich gar nicht erst versuchen, das zu beschreiben. Nur das noch: Erstens, in echt ist es schöner, und zweitens, die gebuchten zwanzig Minuten haben sich subjektiv viel länger angefühlt, was ich seltsam finde, weil es der allgemeinen Aussage widerspricht, das schöne Zeit schneller vergeht. Vielleicht hat mir auch der Pilot ein paar Minuten hinzu geschenkt, zutrauen würde ich es ihm.
Die Landung erinnere ich kaum, was nur bedeuten kann, dass wir auch in diesem letzten Teil des Fluges auf spektakuläre Stunts verzichteten. Das macht die Erzählung zwar etwas langweilig, hat aber den Vorteil, dass ich das Gastfliegen uneingeschränkt weiterempfehlen kann.
PS Nochmal meinen ausdrücklichen Dank an alle, die dazu beigetragen haben, mir dieses ungewöhnliche Geburtstagsgeschenk zu machen.
Long time no read – Teil 3
Was bisher geschah – Teil 1, Teil 2
Rückblickend hat dieser Moment etwas Hobbyphilosophie verdient, …
…denn immerhin „wurde ein Menschheitstraum wahr“, wie jeder weiß, der zuviel Bildungfernsehen sieht. Zugegeben, an diesem Tag nur für mich und die paar Segelflieger. Oh, und weil sie mir gerade einfallen, die Mitflieger auf den Linienflügen, für die wurde auch ein Menschheitstraum wahr.
Der Punkt, auf den ich hinweisen will, ist folgender: Wir gewöhnen uns verdammt schnell an wahrgewordene Menschheitsträume. Während meiner Kindheit hatte nur James Bond ein Navi und zu Zeiten meiner Jugend gab es nur ein Handy-Model, leider auf der Enterprise und damit Lichtjahre von meiner Realität entfernt. Heute gibt es beide Träume in einem Gerät und wir denken nur darüber nach, wenn wir …, ja, wann eigentlich. Vielleicht beim Zahnarzt, Zähnen ziehen ohne Schmerzen, das kam als Menschheitstraum vermutlich noch vor dem Fliegen. Ansonsten lässt uns das Thema eher kühl.
Fliegen macht unkritisch, anders ist nicht zu erklären, dass ich jetzt unter Auslassung von Atombombe und weltweiter Resourcen-Verknappung (beides Folge von anderen Menschheitsträumen) dazu auffordere, sich mal kurz vom verführerischen Gedanken zu lösen, dass uns irgendetwas fehle. Ich korrigiere: uns irgendetwas Materielles fehle (Mitgefühl, Solidarität, Einschätzungsvermögen für exponentielles Wachstum, fehlt uns alles, ist hier aber nicht angesprochen). Uns fehlt nichts, wir leben im Land der wahrgewordenen Träume. Bedingung für diese Sichtweise: Vergleiche dich nicht mit deinen Zeitgenossen, sondern mit Dir selbst vor plus/minus 35 Jahren (zugegeben, mit dieser Bedingung verenge ich den Kreis derer, die mit den Gedanken hier aus eigener Erfahrung etwas anfangen können, aber vielleicht sind die folgenden Beispiele auch für Jüngere nachvollziehbar).
Ein gutes Beispiel ist die Musiksammlung, die ich besitze. Alle Musik, die ich als mir als zwanzigjähriger nicht leisten konnte, und noch viel mehr. Wenn ich will auf einem Datenträger von der Größe eines Daumennagels. Der Zwanzigjährige hätte den musikalischen Reichtum in mehreren Regalmetern unterbringen müssen. Die Filmsammlung braucht einen geringfügig größeren Datenträger oder nochmal ein paar Regalmeter mehr. Abzuspielen wahlweise auf einer Musikanlage von der achtfachen Leistungsfähigkeit der damaligen oder einem Billig-PC, der mir für null Euro erlaubt, meine Korrespondenz zu erledigen oder im Brockhaus mit n Bänden nachzuschauen. Briefmarken und Lexika braucht man heute nur noch ausnahmsweise und weil wir gerade bei bedruckten sind, auch die nichtanfallenden Kosten für die Abos der besten Zeitschriften und die aktuellen Bestseller tragen zu meinem Reichtum bei.
Oder die Sache mit den Fotos. Wir vergessen gerne, was Papierbilder kosten. Ich bin reich, wenn ich mir den Bestand meiner digitalen Fotos umrechne in die Kosten, die für Papierabzüge angefallen wären.
Aber auch wenn wir uns von dem Reichtum abwenden, der dadurch entsteht, dass wir heute vieles ohne Verlust teilen können, weil es sich in Bits und Bytes umrechnen lässt, bleibt noch genug zum staunen. Ich besitze alle Elektrogeräte, die sich in einem zeitgenössischen Haushalt so finden lassen ohne eines davon bezahlt zu haben. Alles Sperrmüll- und Geschenkgeräte, die eine überschussproduzierende Gesellschaft an mich weitergegeben hat.
Und weil wir gerade von der Gesellschaft sprechen. Zwar hat sie mich aus ihren Produktionsabläufen aussortiert, andererseits ist sie aber bereit, mir auf niedrigstem Niveau das Überleben zu sichern, ich habe zu essen und warm. Das ist noch nicht der Menschheitstraum vom Schlaraffenland aber nahe genug dran. Zumindest dann, wenn wir es mit dem bereits erwähnten Reichtum ergänzen oder schauen, was in anderen Gesellschaften so los ist.
Vor 35 Jahren, also Mitte der 70er Jahre des vorherigen Jahrhunderts, konnten wir uns den Reichtum noch nicht vorstellen, der uns heute umgibt und heute fällt es uns schwer, ihn zu würdigen. Wir sehen ihn nicht, weil er uns überall umgibt. Wir nehmen es als selbstverständlich für einen überschaubaren Betrag einen Habenichts in den Himmel über Giessen schicken zu können, damit er sich den Traum vom Fliegen erfülle.
Ende des hobbyphilosophischen Teils. Eine kleine Anmerkung noch. Viele Jahre zurück und noch bevor es das Internet gab habe ich irgenwo mal gelesen, dass es möglich sei, die ganze Weltbevölkerung auf dem Entwicklungsniveau der westlichen Welt von 1960 zu versorgen. Mittlerweile können wir das bestimmt auf 1975 steigern. Und bei allem gefühlten Reichtum, der uns dem Anschein nach nicht zufriedener macht, wäre ich dringend dafür, die sich daraus ergebenden Verteilungsprobleme mal anzugehen. Selbst wenn ich dann wieder mit dem Bus zur Arbeit fahren müsste, den Fernseher mangels Fernbedienung zu Fuß bediente und Grillhuhn für ein Sonntagsessen hielte. So war das nämlich, damals, und damit könnte ich leben. Und die anderen 7 Milliarden.
Fortsetzung folgt hier
Long time no read -Teil 2
Was bisher geschah – Teil 1
Trotzdem bot die Unternehmung ihre Herausforderungen. Zunächst einmal, wie kommt man zu den Seglern, ohne sich unbeliebt zu machen? Es läßt sich ahnen, dass „quer über die Landebahn“ keine gute Idee ist. Jahre zurück habe ich das ausprobiert und mir großen Unmut zugezogen. Weil ich die Beziehung zum zukünftigen Piloten meines Vertrauens nicht mit einem Mißklang beginnen wollte, habe ich also erstmal das Gelände beobachtet. Wer lange genug hinschaut bekommt in der Regel Unterstützung vom gesunden Menschenverstand (für einfache Aufgaben genügt sogar ein Restbestand) und der legte in diesem Fall nahe, die Landebahn am hinteren Ende zu umgehen. Was außerdem den Vorteil hat, dass sich dort die Flugleitung und alles andere befindet, was der Gastflieger im weiteren Verlauf braucht: Ansprechpartner, Fluggerät, Pilot, so Zeug halt. So getan und gut getan.
Mit wenigen Worten war klar, dass ich grobgeschätzt eine Stunde später fliegen könnte, wenn ich das wollte. Ich wollte und schon musste ich mich der eigentlichen Herausforderung stellen, Smalltalk. Klar, ich hätte auch einfach still sein und intelligent aussehen können (ich hatte die Brille dabei). Oder noch länger die herumstehenden Segler anschauen. Aber irgendwann war ich Manns genug mir einen der in Reihe stehenden Plastikstühle neben der Flugleitung zu nehmen und mal dies und mal das zu fragen. Ich erfuhr mal dies und mal das. Für so nebenbei aufgeschnapptes Wissen ganz nett, hätte ich in der Zeit nicht recherchieren können, wenn ich es hätte wissen wollen. Hat was, dieses Smalltalken, vielleicht gibt es dafür ja Volkshochschulkurse.
Trotzdem, die Zeit, in der wir einfach nur dasaßen und den startenten und landenden Segelfliegern zuschauten, war die angenehmere. Einfach zuschauen hat auch was. Die Zeit verflog – was hätte sie auf einem Flugplatz auch sonst tun sollen – recht schnell. Irgendwann kam der Motorsegler zurück, der bisherige Flugleiter verwandelte sich im meinen Piloten, wir gingen zum Flugzeug und ich bekam eine kurze Anleitung, wie einzusteigen sei. Nicht, dass es sehr eng gewesen wäre, aber wer nicht täglich von seinem Rollstuhl ins Auto umsteigt, muss vermutlich kurz überlegen, welches Körperteil er zuerst ans Ziel bringt. Diese ganze Überlegerei geht sehr zu Lasten der Lässigkeit und weil ich nur einen Versuch hatte, stieg ich also wie ein behinderter Behinderter ins Flugzeug. Drinnen gab es noch ein paar Worte zu den Instrumenten, die ich eher als vertrauensbildende Maßnahme auffasste, denn keine der Erklärungen hätte mich befähigt, das Teil zurückzufliegen, wenn mein Pilot bei 750 Metern Höhe über Giessen eine Herzinfarkt erlitten hätte. Ohnehin eine blödsinnige Annahme, zwar wäre der Pilot für einen Herzinfarkt alt genug gewesen (nichts gegen alte Menschen, Alter verbinde ich mit Erfahrung und die ist vertrauensbildend) aber Giessen ist dafür einfach nicht aufregend genug.
Ebenso unaufgeregt ging es dann los. Das Abheben der kleinen Maschine war kaum zu bemerken, sie vibrierte etwas weniger als die Räder den Bodenkontakt verloren und dann gewannen wir an Höhe. Rückblickend hat dieser Moment etwas Hobbyphilosophie verdient, …
Fortsetzung folgt hier
Long time no read
Gab lange nichts zu lesen hier. Weil´s nichts zu berichten gab, könnte ich behaupten. Stimmt wie so oft nur zur Hälfte. Die andere Hälfte heißt „bocklos“ und verweigert sich der klinischen Beschreibung. Nun, gelegentlich gelingt es hervorzuhebenden Ereignissen das trübe Weltbild aufzuheitern und das soll dann auch beschrieben werden.
Vieles in diesem Jahr hängt mit dem Dome zusammen, so auch dies. Nach dem Zeitpunkt, den wir hier einmal entgegen besseren Wissens „Fertigstellung des Domes“ nennen wollen, wurde das Bauwerk aus allen 360 Winkeln fotografiert, was knapp hätte ausreichen können, aber eben nicht ganz. Und, es muss deutlich hervorgehoben werden, das ist keine Minderheitenmeinung! Ein behebenswerter Mangel an Luftbildern wurde mehrheitlich festgestellt und es fand sich eine Gruppe von Sponsoren, die antrat, dem abzuhelfen. Mittel der Wahl war ein Motorsegler, der auf einem Segelflugplatz in der Nähe sein Nest hat und dort zu Ausbildungszwecken und für „Besucherflüge“ eingesetzt wird. Mein bevorstehender Geburtstag gab einen ebenso harmlosen wie überzeugenden Anlass, mich für dieses Himmelfahrtskommando auszuwählen.
Die folgenden Wochenenden waren verregnet, so konnte ich mehrere Wochen verleben, als seien es die letzten meines Lebens. Eine Erfahrung, die mir gezeigt hat, dass auch diese ziemlich ereignislos verlaufen werden. Sei´s drum, warum so kurz vor Schluß noch was ändern? Das zurückliegende Wochenende war dann eines der guten die auch der schlechteste Sommer haben muss (und die stetig sich weiter entwickelnde Wetterkunde gibt uns die Möglichkeit, sie auf hohem Niveau zu erraten). Mein Testament hatte ich schon vor langer Zeit gemacht, einfach weil es gut klingt, wenn man das von sich behaupten kann. Auch mit Buddha Amithaba sind die Vorbereitungen für den Augenblick meines Ablebens abgeschlossen; weltlich und geistig also alles geordnet, was hätte mich halten können.
Nichts! Und um ehrlich zu sein, warum hätte sich das Leben, das Schicksal, das Karma (oder jede andere übergeordnete Instanz, an die man gewohnheitsbedingt die Eigenverantwortung abgibt) sich die Mühe machen sollen. In der Terminologie meiner Lieblingsfilme ist das Motorsegeln „echt für Pussies“. Ehrlich, als Sozius auf so manchem Motorrad oder auch als Mitfahrer in Richards Käfer war ich dem Tod näher. Nebenbei und nur deshalb, weil mich schlecht informierte Mitmenschen völlig unbegründet vor dem „Rütteln“ des Fluggerätes gewarnt hatten, auch hier habe ich schon auf Motorrädern und in Autos gesessen, die mehr rüttelten. Also: alles nicht so wild.
Trotzdem bot die Unternehmung ihre Herausforderungen. Zunächst einmal, …
Fortsetzung folgt hier